Gebietsheimische (autochthone) Gehölze und ihre Bedeutung
für die Erhaltung der biologischen Vielfalt in der Landschaft

§ 40 Abs. 4 BNatSchG stellt das Ansiedeln gebietsfremder Arten in der freien Natur unter einen Genehmigungsvorbehalt, um der
Gefahr einer Verfälschung der heimischen Tier- und Pflanzenwelt vorzubeugen. Dabei gilt: Bis längstens 1. März 2020 sollen vorzugs-
weise Gehölze und Saatgut nur innerhalb ihrer Vorkommensgebiete ausgebracht werden, danach dürfen sie nur noch innerhalb ihrer
Vorkommensgebiete ausgebracht werden. Hintergrund dieser gesetzlichen Regelung ist die bei der UN-Konferenz 1992 in
Rio de Janeiro beschlossene "Übereinkunft zur Erhaltung der biologischen Vielfalt".   Auf drei Ebenen ist die biologische Vielfalt
(Biodiversität) zu bewahren:

- als Vielfalt der Lebensräume
- als Vielfalt der Arten
- als innerartliche Vielfalt.

Um diesem Anspruch aus naturschutzfachlicher Sicht gerecht zu werden, ist es notwendig geworden, gebietsheimisches (autochthones) Pflanzgut zu verwenden. Mit steigender Tendenz
wird diese Forderung durch entsprechende Vorgaben in Förderrichtlinien und Kulturlandschafts-
programmen der einzelnen Länder umgesetzt und unterstützt.

Wildpflanzen werden in unseren fast ausschließlich anthropogen beeinflussten Kulturräumen
immer mehr auf wenige Naturräume zurückgedrängt. Nur dort können sie sich im Gegensatz zu
Kulturräumen noch selbstständig und ungestört vermehren. Um dieses Genpotenzial für die vom
Menschen beeinflussten Kulturräume zu erhalten, ist es deshalb eine vordringliche Aufgabe für
Baumschulen geworden, gebietsheimische (autochthone) Wildpflanzen aus Naturräumen zu beernten und nachzuziehen.
 

"Pflanzen sind dann autochthon", ...
... wenn sie aus Samen wildwachsender Stammpflanzen vermehrt wurden. Autochthon
(griechisch: auto = selbst, chthon = Erde; am Fundort entstanden, bodenständig) sind Pflanzen
dort, wo seit langem ihre wildwachsenden Stammpflanzen leben bzw. lebten. In den verschiedenen
Naturräumen haben sich diese Wildpflanzen im Laufe einer jahrtausendelangen Entwicklung an
ihre Umweltbedingungen angepasst. Abhängig von Klima, Höhenlage, Feuchtigkeits- und Boden-
verhältnissen zeichnen sich diese Pflanzen durch eine regionaltypische genetische Ausstattung
aus. In Anlehnung an ökologische Grundeinheiten wurden für das Bundesgebiet neun Herkunfts-
gebiete für autochthone (gebietsheimische) Gehölze in Deutschland ausgeschieden.
 

... weiter Herkunftsgebietskarte für autochthone Gehölze



Organisierte und kontrollierte Anzuchten von gebietsheimischen (autochthonen) Gehölzen...
...finden nach unserem Kenntnisstand bislang in den (und für die) Länder(n) Bayern, Brandenburg und Baden-Württemberg  (jedoch
nach unterschiedlichen Regelwerken) statt.

In Bayern
hat sich zu diesem Zweck die "Erzeugergemeinschaft autochthoner Baumschul-Erzeugnisse (EAB)" gegründet, die
nach strengen Ernte- und Anzuchtregeln arbeitet und über einen unabhängigen Zertifizierer ein Zertifikat für verkaufsfertige Gehölze
dann erstellt, wenn die Gehölzanzucht einer strengen Überprüfung der Verfahrensregeln standgehalten hat.

... weiter zur EAB (Erzeugergemeinschaft für autochthone Baumschulerzeugnisse in Bayern)
 

In Baden Württemberg fanden sich 16 interessierte Baumschulen zusammen und gründeten 2008  die Erzeugergemeinschaft für
gebietsheimische Gehölze Baden-Württemberg w. V. In Anlehnung an die bayerische EAB werden auch hier nach strengen Ernte-
und Anzuchtregeln gebietsheimische Gehölze angezogen, kontrolliert und eine Zertifikatserteilung über denselben Zertifizierer, wie
für die EAB Bayern, für jede ausgelieferte Pflanzenpartie aus Baden-Württemberg vorgenommen.

... weiter zur EZG-BW (Erzeugergemeinschaft für gebietsheimische Gehölze Baden-Württemberg)

 

Die Regelungen in beiden Ländern beinhalten sowohl die Strauch-, als auch die Baumarten (zu den Baumarten lesen Sie bitte das
nächste Kapitel). 

Das Land Brandenburg hat die Verwendung von autochthonen Gehölzen per Erlass geregelt.

Die Anzucht von autochthonen Gehölzen für Bayern findet bei der Baumschule Karl Schlegel im bayerischen Betrieb Elsendorf,
Landkreis Kelheim, statt. Gebietsheimische Gehölze für Baden-Württemberg werden im Hauptbetrieb Riedlingen, Landkreis
Biberach (Württemberg), angezogen.



Anzucht baumartiger Gehölze aus herkunftsgesichertem Ausgangsmaterial nach den Vorgaben des Forstvermehrungsgutgesetzes (FoVG)

Neben den gebietsheimischen (autochthonen) Straucharten ziehen eine Reihe von süddeutschen
Baumschulen auch herkunftsgesicherte aufrecht wachsende Gehölze (Baumarten) an. Sofern es
sich um Baumarten handelt, die dem FoVG, unterliegen handelt es sich bei dessen Ausgangs-
material um Vermehrungsgut, das entsprechend den Regeln des Forstvermehrungsgutgesetzes
(bis Mai 2002 Gesetz über forstliches Saat- u. Pflanzgut - FSaatG) aus amtlich anerkannten und
zugelassenen Erntebeständen stammt. Diese Betriebe sind nach den Bestimmungen des FoVG
amtlich registriert und zugelassen. Ernte, Anzucht und Verkauf dieser  Baumarten im Forst-
pflanzenstadium unterliegen strengen gesetzlichen Regelungen, deren Einhaltung durch die
Kontrollbehörden ( in Baden-Württemberg: Regierungspräsidium Tübingen, Abteilung Forst-
direktion, Referat Waldbau) laufend überprüft werden. Aus diesen überprüften Jungpflanzen
stammt das Ausgangsmaterial zur Produktion von stärkeren Pflanzenqualitäten bis hin zu dreimal verschulten Hochstämmen. Dieser
Produktionsübergang von der Forstqualität hin zu stärkeren Qualitäten und alle weiteren Produktionsschritte werden nach den
Erzeugerregeln der EZG-BW vom Zertifizierer dokumentiert und kontrolliert und, sofern die verkaufsfertigen Gehölze der lückenlosen
Kontrolle standhalten, für den Abnehmer zertifiziert.
Für die Identitätsangaben wird nach derzeitigem Stand die fünfstellige Herkunftsnummer nach der Forstvermehrungsgut-Herkunfts-
gebietsverordnung  aus dem  Forstpflanzenstadium des Ausgangsmaterials bei der Anzucht zu stärkerer Qualitäten bis zum
Hochstamm weitergeführt.

 

Engpässe:
Einige Gehölzarten bereiten immer noch Schwierigkeiten in der gebietsheimischen (autochthonen)  Nachzucht. Diese Schwierigkeiten
sind zumeist begründet mit fehlenden und unzureichenden Erntebeständen (Corylus avellana), Bastardisierung der Arten innerhalb
von Erntebeständen (Salix-Arten), überwiegend vegetativer Vermehrung (Liguster, Salix) oder auch zu geringer Nachfrage nach
kleinsträumig auftretenden Sippen (Crataegus Sippen, Rosa-Sippen).

Gründe und Beispiele für die fehlende Anzucht einzelner gebietseigener (autochthoner) Gehölzarten:
Für landschaftspflegerische und naturschutzfachliche Ziele einer Gehölzpflanzung (Ufersicherung,Gliederung der Feldflur,
Abschirmung sensibler Biotope usw.) ist die Pflanzung von Zwerg-, Halb- und Kleinsträuchern oft nicht notwendig. Diese Gehölze
stellen sich in der Regel bei geeigneten Standortverhältnissen spontan ein (Heidelbeere - Vaccinium myrtillus, Stachelbeere - Ribes
uvacrispa, Himbeere - Rubus idaeus). Deshalb ist auch die Nachfrage für diese Gehölze äußerst gering, was zur Folge hat, dass in
den Baumschulen auch keine Anzucht erfolgt. Dies gilt auch für die folgenden Beispiele: Seltene Gehölzarten sollen aus naturschutz-
fachlicher Sicht weiterhin selten bleiben und die besondere Standortsituation und floristische Eigenart an ihren Wuchsorten anzeigen.
Sie sind in der Regel an Sonderstandorte gebunden oder sind deshalb selten, weil sie am Rande ihres Areals wachsen, wo die
Wuchsbedingungen für sie nicht mehr optimal sind. Pflanzenarten, die nach der Entdeckung Amerikas (Neophyten) bei uns einge-
wandert sind oder eingeschleppt wurden, sollen nicht zusätzlich in ihrer Ausbreitung gefördert werden. Von ihnen können Gefähr-
dungen für die heimische Gehölzflora und ihre Lebensgemeinschaften ausgehen (z.B. Späte Traubenkirsche - Prunus serotina,
Robinie - Robinia pseudoacacia).



Was gibt es - was gibt es nicht
Vorausgesetzt Sie anerkennen die vorgestellten Regelwerke für Baden-Württemberg und Bayern
sowie nach dem FoVG bzw. FsaatG (bei Baumarten) und akzeptieren bei Engpässen auch flexibel
benachbarte Naturräume als Ersatzherkünfte, lässt das Angebot an gebietsheimischen
(autochthonen) Gehölzen immer weniger Wünsche offen. Für gebietsheimische (autochthone)
Gehölze unterscheiden sich bis jetzt die Regelwerke für deren Anzucht und die Art des 
Herkunftsnachweises:
 
Bayern:
Nachweis der Autochthonie, sowohl für Strauch- als auch für Baumarten, mit Angabe der
Herkunftsgebietsnummer in Anlehnung an die 9 Herkunftsgebiete nach der Karte des BMVEL
auf allen Auftrags- und Lieferpapieren und Bestätigung der korrekten Angaben per Zertifikat
der unabhängigen Zertifizierungseinrichtung. 

Baden-Württemberg:
Nachweis der Gebietseigenheit für Straucharten und Baumarten, die nicht dem FoVG unterliegen, mit Angabe der Herkunftsnummer
in Anlehnung an die 9 Herkunftsgebiete nach der Karte des BMVEL. Baumartig wachsende Gehölze, die dem FoVG unterliegen,
werden mit der 5-stelligen Herkunftsnummer gemäss FoVG-Herkunftsgebietsverordnung gekennzeichnet. Die Herkunfts-
bezeichnungen sind auf allen Auftrags- und Lieferpapieren zu führen und Bestätigung der korrekten Angaben per Zertifikat der
unabhängigen Zertifizierungseinrichtung.    

Neue Entwicklungen seit März 2010:

Seit März 2010 ist das novellierte Bundesnaturschutzgesetz in Kraft getreten. § 40 Absatz 4 BNatSchG  regelt nun das Ausbringen
gebietsfremder Arten in der freien Natur. Auf Grund dieser  Regelung sollen in einem Arbeitskreis für gebietsheimische Gehölze
Vorgaben zur Ausweisung von Erntebeständen, Herkunftsgebieten, Mindeststandards bei Produktion, Kontrolle und Nachweis-
sicherung, sowie ein Leitfaden für die Ausschreibepraxis erarbeitet werden, die zur Umsetzung einer bundeseinheitlichen Lösung
führen.

Dies wird dazu führen, dass die vorhandenen Regelwerke der Erzeugergemeinschaften EZG-Baden-Württemberg und EAB-Bayern, in Anlehnung an die Fortschritte der Arbeitsgruppe, Modifikationen unterliegen und entsprechend angepasst werden müssen. Spätestens zum 1. März 2020 dürfen bundeseinheitlich Gehölze und Saatgut nur noch innerhalb ihrer Vorkommensgebiete ausgebracht werden.
Bis zu diesem Zeitpunkt entfällt der Genehmigungsvorbehalt
für das Ausbringen gebietsfremder, nichtheimischer Arten, sofern
gebietsheimische Arten, die ab sofort vorzugsweise verwendet werden sollen, nicht marktverfügbar sind.     
 
 

Herkunftsgebietskarte für gebietsheimische (autochthone) Gehölze in Deutschland nach BMVEL
   


1 Nordwestdeutsches Tiefland
2 Nordostdeutsches Tiefland 
3 Mittel-und Ostdeutsches Tief-und Hügelland
4 Westdeutsches Bergland 
5 Südostdeutsches Bergland 
6 Oberrheingraben
7 Süddeutsches Hügel-und Bergland 
8 Schwäbische und Fränkische Alb
9 Alpen und Alpenvorland



 

Literaturhinweise:
 


Eine Information der Erzeugergemeinschaft für gebietsheimische
Gehölze in Baden-Württemberg (EZG-BW w.V.) (2009)
Gebietsheimische Gehölze für Baden-Württemberg - Bedeutung, Anzucht, Kontrolle,
Beschaffung, Verwenundung
 


Eine Information der Erzeugergemeinschaft für autochthone
Baumschulerzeugnisse in Bayern (2009)
Autochthone Gehölze für Bayern - Bedeutung, Anzucht, Kontrolle,
Beschaffung, Verwenundung
 

Bayerisches Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen, Bayerisches Landesamt für Umweltschutz (2001): Autochthone Gehölze - Verwendung bei Pflanzmaßnahmen; 1. Auflage

Erzeugergemeinschaft autochthoner Baumschulerzeugnisse in Bayern (2000): Autochthone Pflanzen für Bayern - Ursprung, Aufzucht, Kontrolle und Verwendung; eine Information der EAB

Maethe H. & Schmidt P.A. (1995): Autochthone Gehölze - praktikable Lösung scheint in Sicht; Deutsche Baumschule 47, 7:317

Reif A. & Aulig W. (1993): Künstliche Neupflanzung naturnaher Hecken; Naturschutz & Landschaftsplanung 25, 3:85-93

Schmidt P.A. & Wilhelm E.-G. (1995): Die einheimische Gehölzflora - ein Überblick; Beiträge zur Gehölzkunde, Rinteln, 50-75

Schmitt H.-P. & Woike M. (1995): Heimische Baum- und Straucharten tolerieren Fremdeinflüsse besser; Deutsche Baumschule 47, 2:86-89

Timmermann G. & Müller T. (1994): Wildrosen und Weißdorne, Landschaftsgerechte Sträucher und Bäume - 144 Seiten; 28 Tafeln; Schwäbischer Alb-Verein, Stuttgart

Wahrenburg A., Bohne H.U. & Spethmann W. (1994): Möglichkeiten und Grenzen für die Verwendung von einheimischen und nichteinheimischen Gehölzen; Gehölzforschung, Hannover 2:1-122